Warum du immer wieder gleich reagierst – obwohl du längst weiter bist
An einem Samstag im April war ich mit einer Klientin auf einer Coaching-Wanderung unterwegs. Während wir nebeneinander liefen und sich die Gespräche ganz natürlich entwickelten, kam sie auf ein Thema zu sprechen, das sie schon länger begleitet. Sie erzählte von einer Situation innerhalb ihrer Familie, in der sie in eine Reaktion gerutscht ist, die sie selbst erschreckt hat. Ein Satz, ein Blick und etwas in ihr wurde plötzlich laut. Keine unterschwellige Wut. Sondern eine Wut, die hör- und spürbar wurde. Eine Wut, die drohte, in Aggression zu kippen.
Und danach stand sie da und fragte sich: Warum habe ich so reagiert, obwohl ich doch längst weiter bin? Obwohl ich eigentlich anders fühlen, denken und reagieren möchte?
Vielleicht kennst du solche Momente auch. Vielleicht ist es bei dir nicht Wut, sondern Angst, Traurigkeit oder Verzweiflung. Momente, in denen dich alte Emotionen plötzlich überrollen und du dich fragst, warum dich etwas so stark trifft. Ich kenne das auf jeden Fall auch.
Wenn Gefühle plötzlich zu groß werden
Es gibt Situationen, in denen auch ich spüre, wie sich innerlich etwas aufbaut, das sich kaum noch regulieren lässt. Wie ein Druck, der immer größer wird, bis er sich entlädt wie ein reißender Fluss, der sich seinen Weg bahnt, ohne Rücksicht darauf, was dabei vielleicht beschädigt wird. Und obwohl diese Momente oft nur kurz sind, können sie eine Wirkung entfalten, die weit über die eigentliche Situation hinausgeht.
Vielleicht kennst du das: Jemand erzählt dir von einer Situation, die ihn tief verletzt oder wütend gemacht hat – und ein Teil von dir denkt insgeheim: „Aber so schlimm war das doch gar nicht …?“ Und gleichzeitig gibt es Situationen, in denen du selbst emotional reagierst und später merkst, dass die Intensität deiner Gefühle kaum zum eigentlichen Auslöser passt.
Heute wird mir immer klarer: Es geht in diesen Momenten selten nur um das, was gerade im Außen passiert. Viel häufiger berühren solche Situationen etwas Älteres in uns. Erfahrungen, Verletzungen oder Gefühle, die früher keinen Raum hatten und sich irgendwann ihren Weg an die Oberfläche suchen.
Warum wir oft stärker reagieren, als wir eigentlich möchten
Diese Erkenntnis kam nicht von heute auf morgen. Sie ist Teil eines Prozesses, in dem ich Schritt für Schritt gelernt habe: zu erkennen, woher meine Emotionen tatsächlich kommen, zu verstehen, welcher Anteil in mir gerade reagiert und dadurch bewusster zu handeln.
Nicht perfekt.
Aber bewusster.
Und genau das interessiert mich auch in meiner Arbeit: Nicht nur das Verhalten im Außen, sondern das, was darunter liegt.
Was wirklich hinter ihrer Wut lag
Auf unserer Wanderung haben wir begonnen, ihre Situation mit etwas Abstand zu betrachten.
Wer war beteiligt?
Welche Dynamiken entstanden dort?
Was wurde gesagt?
Was hat sie gedacht und gefühlt?
Und welche Rolle hatte sie in diesem Moment eingenommen?
Relativ schnell wurde deutlich, dass sie in eine Beschützerrolle ging. Eine Rolle, die sich vertraut anfühlte. Fast selbstverständlich. Und gleichzeitig tauchte eine Frage auf, die zunächst unbeantwortet blieb: Wovor beschützt sie diese Person eigentlich? Braucht diese Person ihren Schutz überhaupt?
Mit dieser Frage entstand eine neue Sichtweise. Meine Klientin erkannte, dass sie diese Rolle gar nicht übernehmen musste. Dass die andere Person durchaus in der Lage war, sich selbst zu schützen oder für sich einzustehen. Und sogar noch mehr: Dass diese Person eigentlich sie beschützte – nur auf eine andere Weise.
Im weiteren Gespräch wurde deutlich, dass die Intensität ihrer Reaktion nicht allein mit der aktuellen Situation zu erklären war. Es ging um etwas Tieferes. Um Erfahrungen, in denen sie sich ungerecht behandelt, nicht gesehen oder nicht verstanden gefühlt hatte. Und genau diese Gefühle wurden in der aktuellen Situation wieder aktiviert.
In solchen Momenten reagiert oft nicht der erwachsene Teil in uns, der Situationen ruhig einordnen kann. Sondern ein jüngerer Anteil. Ein Anteil, der gelernt hat, sich zu schützen. Der vielleicht laut werden musste, um überhaupt gehört zu werden. Der sich behaupten musste, um sich selbst nicht zu verlieren. Und genau dieser Anteil übernimmt dann: schnell, emotional und intensiv.
Im Nachhinein entsteht häufig dieser innere Widerspruch, weil ein anderer Teil in uns längst weiß, dass diese Reaktion heute eigentlich nicht mehr notwendig wäre.
Für mich ist genau das der Punkt, an dem Veränderung beginnt. Nicht darin, sich zusammenzureißen.
Nicht darin, Gefühle zu unterdrücken. Sondern darin, wahrzunehmen, was gerade in einem aktiv ist. Wer spricht da gerade in mir? Allein dieses Erkennen schafft bereits einen kleinen Abstand. Und genau in diesem Abstand entsteht die Möglichkeit, anders zu wählen.
Wasser und Steine
Ein Stück weiter auf unserem Weg blieben wir an einer kleinen Brücke stehen. Unter uns floss ein Bach, ruhig und gleichmäßig. Aus diesem Moment heraus entstand ein Bild, das sehr greifbar machte, worum es eigentlich geht. Sie ist das Wasser. Die anderen sind die Steine. Manche größer. Manche kleiner. Manche kantiger als andere. Und Wasser hat immer eine Wahl.
Es kann sich anpassen.
Es kann um Hindernisse herumfließen.
Es kann seinen eigenen Weg finden.
Manchmal ist es nur ein kleines Bächlein und kann nur um die Steine herum fließen.
Manchmal ist es ein reißender Fluss, der auch die größten Steine ins Rollen bringt.
Dabei wurde auch deutlich, wie sehr unsere eigene innere Energie dabei eine Rolle spielt. Wenn wenig Energie da ist, reichen oft schon kleine Hindernisse aus, um uns ins Stocken zu bringen. Wenn wir mehr bei uns sind, entsteht wieder Bewegung. Dann wird es leichter, bewusst zu entscheiden, wie wir reagieren möchten.
Hinzu kam noch ein weiterer Punkt: Die Situation lag bereits einige Zeit zurück und trotzdem war für meine Klientin immer noch eine innere Anspannung und Alarmbereitschaft körperlich spürbar. Ihren Gefühle aus dieser Situation wollte sie nicht fühlen, nicht zulassen, nicht spüren.
Sie hatten keinen Raum bekommen.
Sie wurden nicht ausgesprochen.
Sie wurden nicht gesehen.
Und genau das erlebe ich immer wieder – auch bei mir selbst:
Gefühle verschwinden nicht einfach. Sie bleiben, bis sie ihren Platz bekommen. Und manchmal bedeutet Eigenverantwortung auch, sich diesen Raum bewusst zu nehmen. Sich mitzuteilen. Sich auszudrücken. Sich selbst ernst zu nehmen, bevor es im Außen laut wird.
Erkennen. Verstehen. Verändern.
Am Ende dieser Wanderung ging es nicht darum, die Wut loszuwerden. Sondern darum, sie zu verstehen. Zu erkennen, woher sie kommt. Zu verstehen, welcher Anteil in einem aktiv wird. Und da heraus bewusster mit sich selbst umzugehen und gewappnet sich neuen Situationen zu stellen und echt und authentisch zu leben.
Für mich ist das immer wieder genau dieser Prozess:
Erkennen.
Verstehen.
Verändern.
Nicht, indem wir uns anpassen. Sondern indem wir bewusster werden.
Wenn du dich in diesen Gedanken wiederfindest, dann vielleicht deshalb, weil du dich selbst bereits reflektierst und bereit bist, genauer hinzuschauen. Und vielleicht kennst du auch diese Momente, in denen du vieles verstehst und sich dennoch bestimmte Muster wiederholen. Genau dort kann es hilfreich sein, nicht alleine zu bleiben, sondern gemeinsam hinzuschauen, Zusammenhänge zu erkennen und neue Perspektiven für sich selbst zu entwickeln.
Und vielleicht ist genau das auch ein wichtiger Teil dieses Prozesses: Zu erkennen, dass wir nicht alles allein tragen oder verstehen müssen. Auch ich nehme für mich selbst immer wieder Coaching in Anspruch. Nicht, weil mit mir etwas „nicht stimmt“, sondern weil es blinde Flecken gibt, die wir selbst oft nur schwer erkennen können. Weil andere Perspektiven manchmal dabei helfen, Zusammenhänge klarer zu sehen. Und weil Entwicklung für mich nichts ist, das irgendwann abgeschlossen ist.
Ich glaube, dass genau darin auch Stärke liegt: sich begleiten zu lassen, Fragen zuzulassen und bereit zu sein, bewusster hinzuschauen.
Wenn du dich in diesen Gedanken wiederfindest und das Gefühl hast, dass es Zeit sein könnte, dich selbst und deine Muster tiefer zu verstehen, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, allein damit zu bleiben.
Alles Liebe, Anja
PS: Vielleicht sind beim Lesen auch eigene Situationen oder Gefühle in dir aufgetaucht. Vielleicht magst du dir nach dem Lesen selbst ein paar Fragen stellen…
- Gab es Situationen oder Menschen, die du beim Lesen vor Augen hattest?
- Welche Gefühle sind dabei in dir aufgetaucht?
- Gibt es Emotionen, die dich in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich treffen oder überrollen?
- Kennst du diese Gefühle oder Reaktionen vielleicht schon aus früheren Lebensphasen oder Beziehungen?
- Was versuchst du in diesen Momenten vielleicht unbewusst zu vermeiden oder zu schützen?
- Gibt es Situationen, in denen du im Nachhinein anders hättest reagieren wollen?
- Ist es dir schon einmal gelungen, mit etwas mehr Abstand auf eine ähnliche Situation zu schauen? Und was hat das verändert?
