Einschläge im Leben

Bis vor zwei Wochen war es nur eine entfernte Möglichkeit. Eine Möglichkeit, bedrohlich und dunkel wie nahende Gewitterwolken, bei denen man einfach nur hofft, dass sie an einem vorbeiziehen. Denn das Ausmaß des Einschlages ist meist nicht abzusehen. Verdrängt, im Alltag nicht präsent. Heute ist die Möglichkeit eine Tatsache und lässt sich nicht mehr verleugnen, verdrängen oder ausblenden.

Du kennst es sicherlich auch. Einschläge im Leben, mit denen du nicht gerechnet hast. Die du nicht für möglich gehalten hattest, bis sie passieren. Kündigungen. Unfälle. Krankheiten. Trennungen. Tod. Dinge, von denen man weiß, dass sie zum Leben dazugehören und die doch immer irgendwie die anderen treffen. Bis sie plötzlich bei einem selbst vor der Tür stehen und sich ungefragt mitten ins Leben drängen. Man gerät ins Schwanken und Taumeln. Versucht seinen Alltag zu bewältigen, zu funktionieren, da zu sein für wenigstens diejenigen, die man liebt.

Dieses Jahr hat es mich zum zweiten Mal getroffen und dieser Treffer sitzt tiefer. Und obwohl ich mittlerweile weiß, dass solche Zeiten zum Leben dazugehören, fühlt es sich nicht leichter an. Es macht mich unsäglich traurig und berührt mich auf verschiedenen Ebenen. Vielleicht gerade deshalb, weil es mich daran erinnert, wie wenig wir letztlich kontrollieren können und wie sehr wir uns sicher geglaubt haben. Wie viele Pläne wir machen, wie viel wir uns aufbauen und wie schnell das Leben trotzdem beschließen kann, eine andere Richtung einzuschlagen.

In solchen Momenten verändert sich die Perspektive. Dinge, die gestern noch wichtig erschienen, verlieren plötzlich an Bedeutung. Termine, Projekte oder Vorhaben, die noch vor wenigen Tagen meine Aufmerksamkeit hatten, wirken auf einmal seltsam weit weg. Nicht, weil sie verschwunden wären. Sie sind immer noch da. Aber sie fühlen sich anders an.

Gleichzeitig läuft das Leben weiter. Der Wecker klingelt morgens trotzdem. Die Arbeit wartet. Kinder wollen versorgt werden. Verpflichtungen lösen sich nicht einfach in Luft auf, nur weil man selbst gerade mit etwas beschäftigt ist, das schwerer wiegt als alles andere. Und vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen solcher Lebensphasen. Dass die Welt sich weiterdreht, während in einem selbst etwas stehen geblieben ist. Dass man morgens aufsteht, einkaufen geht, E-Mails beantwortet, Gespräche führt und nach außen oft erstaunlich normal wirkt, obwohl innerlich etwas ganz anderes stattfindet.

Viele von uns haben gelernt zu funktionieren. Ich übrigens auch. Wir haben es uns abgeschaut, bei unseren Eltern, unseren Großeltern, in der Gesellschaft, in der wir groß geworden sind. Auch wenn wir uns früher vielleicht gesagt haben, dass wir SO nie werden wollen, haben wir doch festgestellt, dass das Leben meist „einfacher“ weiterläuft, wenn wir unsere Gefühle zur Seite schieben. Wenn wir stark bleiben. Vernünftig. Belastbar.

Und manchmal ist das auch notwendig. Ich habe die letzten zwei Wochen genau das getan. Gearbeitet, mich um Kind und Kegel gekümmert, Aufgaben erledigt, Termine eingehalten und versucht normal weiterzumachen. Es gibt Situationen, in denen wir Verantwortung tragen. Für Kinder. Für Angehörige. Für Menschen, die auf uns zählen. Doch mittlerweile habe ich verstanden, dass Funktionieren zwar kurzfristig helfen kann, aber keine dauerhafte Lösung ist.

Denn das, was wir zur Seite schieben, verschwindet deshalb nicht. Trauer verschwindet nicht. Angst verschwindet nicht. Wut verschwindet nicht. Ohnmacht ebenfalls nicht. Diese Gefühle warten und das erstaunlich geduldig. Bis der Moment kommt, an dem sie sich ihren Platz zurückholen. Nicht immer in Form von Tränen. Erschöpfung, Gereiztheit, Schlaflosigkeit oder auch ein diffuses Gefühl, sich selbst nicht mehr richtig zu spüren. Oder als der Wunsch, sich einfach nur zurückzuziehen, weil selbst alltägliche Dinge plötzlich unglaublich viel Kraft kosten.

Was mir in solchen Zeiten immer wieder hilft, ist Bewegung. Gestern zwischen starken Windböen und kräftigen Schauern, hatte ich mir laut Regenradar eigentlich eine trockene Stunde rausgepickt und bin in den Wald gegangen. Auf halber Strecke fing es dann an. Zwischen dem Rauschen des Windes, dem Prasseln der Regentropfen auf den Blättern, dem saftigen Grün im Wald, den schmatzenden Geräuschen meiner Schritte auf den matschigen Waldwegen, habe ich mich in dieser einen Stunde wieder selbst gespürt.

Und vielleicht war es gar nicht dieses „wieder zu mir kommen“, das mir so gutgetan hat, sondern nur das Gefühl, für einen Moment nichts leisten zu müssen, keine Lösung finden, nicht stark sein, niemandem gerecht werden und nichts reparieren. Einfach nur einen Schritt nach dem anderen setzen. Pfützen ausweichen. Nicht ausrutschen. Den Regen spüren. Frische Luft einatmen. Ich durfte einfach nur da sein. Mit allem, was da war und in diesem Moment gleichzeitig so fern.

In dieser Stunde haben sich Gedanken und Gefühle sortiert, Luft gemacht, haben die Möglichkeit bekommen einfach da zu sein und dann auch wieder zu gehen. Als ich dann zu Hause war, war ich nass bis auf die Haut.

Gefühle kommen oft dort wieder in Bewegung, wo der Körper sich bewegt. Manche Gedanken sortieren sich nicht am Schreibtisch. Sondern mit Abstand zu diesem. Manche Tränen kommen erst beim Gehen, beim Tanzen oder bei einer Umarmung. Manche Erkenntnisse entstehen nicht zwischen vier Wänden, sondern irgendwo auf einem Feldweg, im Wald oder während man einfach nur Schritt nach dem anderen weiterläuft.

Ich glaube mittlerweile, dass wir Gefühle nicht immer verstehen müssen, bevor wir sie fühlen dürfen. Oft versuchen wir genau das. Wir analysieren. Erklären. Suchen Gründe. Wollen verstehen, warum uns etwas so trifft. Manchmal hilft das. Manchmal aber braucht es zunächst einfach sie zu fühlen. Ohne es sofort verändern zu wollen.

Was ich ebenfalls lernen durfte: In solchen Zeiten gelten andere Maßstäbe. Zumindest sollten sie es. Denn während wir von uns selbst häufig erwarten, genauso leistungsfähig, konzentriert und belastbar zu sein wie sonst, bindet eine Krise emotionale, mentale und auch körperliche Ressourcen. Und diese Energie steht dann an anderer Stelle schlichtweg nicht mehr zur Verfügung.

Deshalb geht es auch nicht darum, sich in solchen Zeiten großzügig eine Pause zu „gönnen“. Es geht vielmehr darum, die vorhandenen Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Denn wenn ein Teil unserer Energie bereits durch Sorgen, Trauer oder Überforderung gebunden ist, können wir nicht gleichzeitig so tun, als stünde uns dieselbe Kraft wie sonst zur Verfügung.

In diesen Zeiten dürfen wir deshalb weniger schaffen, nicht jede Aufgabe sofort erledigen, Verabredungen absagen, Hilfe annehmen und auch Projekte in die Warteschlange drücken. Auch wenn es schwerfällt, dürfen wir akzeptieren, dass unser Akku momentan schneller leer ist als sonst. Nicht, weil wir schwach sind, sondern wir Menschen sind.

Und vielleicht steckt genau darin die größte Herausforderung für viele von uns. Denn wir dürfen uns das nicht nur erlauben, wir sollten es uns erlauben. Nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Form von Verantwortung uns selbst gegenüber. Denn wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, hilft am Ende weder sich selbst noch den Menschen, für die man eigentlich stark sein möchte.

Ich glaube, wir unterschätzen oft, wie viel Kraft es kostet, mit einem schweren Ereignis weiterzuleben und gleichzeitig den Alltag aufrechtzuerhalten. Gerade Menschen, die gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, geraten dabei schnell an ihre Grenzen. Nicht, weil sie versagen, sondern weil sie versuchen, alles gleichzeitig zu tragen. Selbstfürsorge besteht in solchen Zeiten nicht darin, noch etwas zusätzlich zu tun. Vielmehr besteht sie darin, bewusst etwas wegzulassen.

Wir sollten uns in diesen Zeiten fragen:

Was ist jetzt wirklich wichtig?

Worum muss ich mich kümmern?

Und was darf warten?

Denn wenn das Leben uns trifft, geht es nicht darum, Höchstleistungen zu vollbringen. Es geht darum, gut durch diese Zeit zu kommen. Für sich selbst und für die Menschen, die man liebt. Und für die Verantwortung, die gerade tatsächlich nicht warten kann. Alles andere darf für einen Moment in den Hintergrund treten.

Und am Ende geht es in solchen Zeiten vermutlich gar nicht darum, möglichst schnell wieder belastbar, produktiv oder die alte Version von sich selbst zu werden. Es geht vielmehr darum, gut mit sich umzugehen und anzuerkennen, dass man gerade eine herausfordernde Zeit durchlebt. Wir müssen nicht so funktionieren wie sonst. Wir dürfen unseren Ansprüchen für eine Weile die Lautstärke nehmen und uns stattdessen fragen: Was brauche ich gerade wirklich, um gut durch diese Zeit zu kommen?

Ist es Ruhe? Bewegung? Nähe? Ein Gespräch? Zeit für mich allein? Oder schlicht die Erlaubnis, nicht jeden Tag alles schaffen zu müssen?

Und was lässt mich wieder lebendig fühlen? Wobei kann ich mich selbst wieder spüren?

Vielleicht ist es ein Spaziergang im Wald, Musik, eine Umarmung, das Lachen deines Kindes, ein Kaffee in der Sonne oder einfach ein Moment, in dem du nichts leisten musst und einfach nur sein darfst.

Denn solche Zeiten lassen sich weder beschleunigen noch überspringen. Sie brauchen Raum, sie brauchen Zeit und vor allem einen liebevollen Umgang mit uns selbst. Anstatt den Blick ständig darauf zu richten, wann alles wieder normal sein wird, dürfen wir den Fokus auf das richten, was heute möglich ist.

Was brauche ich heute, um gut durch diesen Tag zu kommen?

Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Nicht dann, wenn alles wieder leichter ist. Sondern heute.

Denn manchmal sind es genau diese kleinen Entscheidungen – eine Pause einzulegen, Unterstützung anzunehmen, eine Verabredung abzusagen oder eine Runde durch den Wald zu gehen –, die uns helfen, durch schwere Zeiten zu tragen, ohne uns selbst dabei zu verlieren.

Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe in solchen Phasen: nicht zusätzlich gegen sich selbst anzukämpfen, sondern liebevoll an der eigenen Seite zu bleiben. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Und darauf zu vertrauen, dass die eigene Kraft zurückkommen wird.

Alles Liebe,

Anja

PS: Ehrlich gesagt fällt mir das selbst nicht immer leicht. Ein liebevoller Umgang mit mir selbst klingt in meinen Ohren immer noch zu weich, zu gekünstelt oder schlicht nicht nach mir. Und trotzdem versuche ich, ihn auf meine Weise umzusetzen.

Ich habe mir zum Beispiel bewusst zwei Tage Stundenabbau genommen – ohne große Pläne, ohne Termine, ohne den Anspruch, diese Zeit „sinnvoll“ nutzen zu müssen. Stattdessen lebe ich ein wenig in den Tag hinein, gestalte ihn nach meinem Tempo und tue das, was mir gerade guttut und wichtig erscheint.

Und vielleicht ist genau das manchmal schon genug. Nicht die perfekte Selbstfürsorge, nicht die eine große Erkenntnis oder der eine Moment, in dem plötzlich alles wieder leichter wird. Sondern kleine Entscheidungen, die uns wieder näher zu uns selbst bringen.

Denn auch das gehört dazu: herauszufinden, was einem guttut, und sich zu erlauben, diesem Bedürfnis nachzugehen.

Und ganz ehrlich: Ich übe das auch noch. Tag für Tag.

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