Wer war schuld? Die falsche Frage.

Denkst du häufiger in Schuld oder in Verantwortung? Welcher dieser beiden Begriffe hat mehr Gewicht in deinem Leben? In deinen Gedanken? In deinem Sprachgebrauch?

Fühlst du dich manchmal schuldig? Schuldig, etwas falsch gemacht zu haben, nicht genug gewesen zu sein oder eine Entscheidung getroffen zu haben, deren Folgen dich bis heute beschäftigen? Oder gibst du eher anderen die Schuld dafür, warum dein Leben heute so aussieht, wie es aussieht?

Ich habe mich lange schuldig gefühlt. Bin immer wieder und wieder wie verloren durch meine Wohnung getigert, wusste nicht wohin mit mir und habe versucht, irgendwie klarzukommen – mit den Tränen, den Fragen nach dem Warum, dem „wann bin ich wieder bei dir, Mama?“, dem immer wieder Abschied nehmen und nicht selbst dafür sorgen zu können, dass es dem kleinen Menschen, den ich auf die Welt gebracht habe, auch wirklich gut geht.

Schuldig meiner Tochter gegenüber. Weil ich ihr das Großwerden in einer „heilen Familie“ nicht ermöglichen konnte. Zumindest war das lange meine Überzeugung. Diese Schuldgefühle habe ich über mehrere Jahre mit mir herumgetragen. Obwohl ich rational ziemlich schnell wusste, warum ich diese Entscheidung getroffen hatte und dass sie notwendig war, brauchte mein Gefühl deutlich länger, um hinterherzukommen.

In meiner Welt hätte ich früher nie gedacht, dass mein Leben einmal so verlaufen würde. Ich wäre mit dem Vater meiner Tochter alt geworden. Wir hätten als Familie zusammengelebt. Schließlich bin ich selbst in einer beständigen Familie groß geworden. In meinem Umfeld gab es damals niemanden, der eine ähnliche Entscheidung getroffen hatte. Es gab also auch niemanden, an dem ich mich hätte orientieren können.

Trotzdem stellte sich irgendwann eine ganz andere Frage. Nicht mehr, ob die Entscheidung richtig oder falsch gewesen war, sondern was es mir eigentlich brachte, mich immer weiter mit Schuldgefühlen zu beschäftigen. Was änderte sich dadurch?

Nichts.

Ich machte mir Vorwürfe, spielte Situationen in Gedanken immer wieder durch, fragte mich, ob ich mehr hätte kämpfen oder länger hätte durchhalten müssen. Mein Kopf suchte unermüdlich nach Antworten auf Fragen, die längst keine Antworten mehr zuließen.

Rückblickend glaube ich, dass genau das das Tückische an Schuld ist. Sie bindet unseren Fokus an die Vergangenheit. Unser Gehirn sucht nach Ursachen, nach Verantwortlichen, nach dem Moment, an dem alles hätte anders laufen können. Und je länger wir dort suchen, desto mehr finden wir. Nicht, weil ständig neue Schuld entsteht, sondern weil unser Gehirn genau das tut, worauf wir es ausrichten. Unser Gehirn sucht immer nach Bestätigung dessen, was bereits da ist. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, davon finden wir immer mehr und mehr.

Ich habe damals unglaublich viel Kraft in Gedanken investiert, die nichts mehr verändern konnten. Kraft, die mir an anderer Stelle für meine Tochter, für meinen Partner und auch für mich selbst fehlte. Erst viel später habe ich verstanden, dass ich die ganze Zeit versucht hatte, die Schuldfrage zu beantworten, obwohl sie für mein heutiges Leben überhaupt keine Bedeutung mehr hatte.

Schuld bindet unsere Aufmerksamkeit an das, was war. Verantwortung richtet sie auf das, was möglich ist.

Was liegt jetzt in meiner Verantwortung?

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto deutlicher wurde mir noch etwas anderes.

Immer dann, wenn ich jemand anderem die Schuld für eine Situation gab, legte ich unbewusst auch die Verantwortung in seine Hände. Denn wenn der andere schuld ist, muss er letztlich auch etwas verändern. Ich selbst war damit zum Warten und Ausharren verurteilt. Warten darauf, dass mein Gegenüber etwas oder sich ändert.

Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, wie belastend das Gegenteil sein kann. Mich schuldig zu fühlen bedeutete, die komplette Verantwortung auf meine Schultern zu laden. Ich trug mehr, als tatsächlich meines war, und machte mich für Dinge verantwortlich, die nie allein in meiner Hand gelegen hatten.

Beides hat etwas gemeinsam. Es richtet den Blick zurück. Auf das, was war, was hätte anders laufen sollen und was sich heute nicht mehr verändern lässt.

Verantwortung fühlt sich für mich deshalb mittlerweile ganz anders an. Sie fragt nicht mehr: Wer war schuld? Sondern: Was liegt heute in meinem Einfluss? Was kann ich ändern, damit meine Situation besser wird?

Nicht, weil die Vergangenheit dadurch verschwindet. Sondern weil ich meine Kraft nicht länger an etwas verliere, das ich ohnehin nicht mehr ändern kann. Ich übernehme Verantwortung für mich, für mein Denken und mein Handeln. Und solange mein Kind noch „klein“ ist, auch für sie. Nicht aber für Entscheidungen, Gefühle oder das Verhalten anderer erwachsener Menschen.

Denn Verantwortung schaut nicht zurück. Sie schaut nach vorne. Sie fragt nicht, wer etwas verursacht hat, sondern was ich heute daraus mache. Das bedeutet übrigens nicht, dass andere keine Verantwortung tragen oder dass Verletzungen plötzlich ungeschehen werden. Es bedeutet auch nicht, alles zu entschuldigen. Es bedeutet lediglich, dass ich meine Energie nicht länger dort investiere, wo ich nichts mehr verändern kann.

Heute frage ich mich deshalb viel seltener, wer schuld war. Ich frage mich vielmehr, welche Mutter ich heute sein möchte, welche Beziehung ich meiner Tochter vorleben möchte und welche Werte ich ihr mitgeben möchte.

Ich wünsche mir, dass sie später einmal nicht glaubt, um jeden Preis an einer Situation festhalten zu müssen, nur weil sie einmal anders gedacht war oder sie an einer Entscheidung festhält, die ihr nicht guttut. Dass sie erkennt, dass Verantwortung manchmal bedeutet, schwere Entscheidungen zu treffen, um sich selbst nicht zu verlieren. Und dass Glück nichts ist, das andere Menschen für sie herstellen können.

Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. Schuld hält uns in der Vergangenheit fest. Verantwortung fragt:

Was kann ich heute tun?

Ich glaube mittlerweile, dass genau darin eine Freiheit liegt. Nicht, weil wir dadurch die Vergangenheit verändern. Sondern weil wir anfangen, unsere Kraft dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann.

Wenn du heute einmal ganz ehrlich hinschaust: Beschäftigst du dich gerade mit etwas, das du ohnehin nicht mehr ändern kannst? Oder mit dem, was heute tatsächlich in deiner Verantwortung liegt?

Alles Liebe,

Anja

Nach oben scrollen